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23.12.2025Wenn Weltpolitik vor Ort ankommt
Europas Stunde der Verantwortung
Manchmal sitze ich da und frage mich, was gerade passiert. Nicht in irgendwelchen Analysezentren oder Weltmetropolen, sondern hier bei uns in unseren Städten, Gemeinden und Rathäusern. Die große Weltpolitik fühlt sich plötzlich sehr nah an, weil sie längst bei uns vor Ort angekommen ist. In steigenden Energiepreisen, die Haushalte und Betriebe unter Druck setzen. In Unternehmen, die nicht mehr wissen, ob Lieferketten halten. In Kommunen, die mehr Geld für Sicherheit, für den Schutz kritischer Infrastruktur und für Krisenvorsorge einplanen müssen, während an anderer Stelle gespart wird. Auch in den Gesprächen mit Bürgerinnen und Bürgern, die spüren, dass die Welt unsicherer geworden ist und von uns Antworten erwarten.

Die großen Mächte ordnen ihre Einflussbereiche neu und die neue Sicherheitsstrategie aus den USA macht diese Realität unmissverständlich klar. In dieser Logik behalten die USA ihren Einflussraum in Nordamerika und Südamerika und sichern ihre Interessen im Pazifik. China baut seine Vormachtstellung in Asien weiter aus. Europa soll sich mit Russland selbst darüber verständigen, wer auf unserem Kontinent künftig das Sagen hat. Für Europa heißt das ganz nüchtern, wir stehen nicht mehr automatisch im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die unausgesprochene Botschaft lautet, wir kümmern uns um uns selbst und um China, und Europa soll zusehen, wie es mit Russland klarkommt.
Damit fällt etwas weg, worauf wir uns viel zu lange verlassen haben: die Vorstellung, dass Anpassung und gutes Zureden uns schon schützen würden. Diese Illusion ist vorbei.
Russland nutzt diesen freien Raum jetzt gezielt. Systematisch, kühl und mit klaren Interessen. Wer glaubt, das gehe uns nichts an, der täuscht sich. Das ist kein abstraktes geopolitisches Schachspiel. Das ist eine Frage unserer Freiheit, unserer Demokratie und unserer Zukunft.
Ich sehe mit Sorge, wie manche in Deutschland diesen Moment falsch deuten. Die AfD jubelt über die Schwächung Europas und träumt von nationalen Alleingängen und einer Normalisierung mit Russland. Teile der Linken und des BSW reden sich ein, man müsse nur nachgeben, abrüsten und wegschauen, dann werde alles friedlich. Aber Frieden entsteht nicht durch Wunschdenken. Frieden braucht Haltung und manchmal auch Stärke.
Hoffnung macht mir die breite Mitte. Dort wächst das Verständnis dafür, dass wir Europäer endlich erwachsen werden müssen. Wenn Europa jetzt nicht zusammensteht, wird es zerrieben. Zwischen den Interessen der Großmächte. Dann sind wir nicht mehr Gestalter, sondern Spielball.
Und ich bin überzeugt, selbst diejenigen, die heute mit dem Gedanken spielen, Russland zu stärken oder das zumindest billigend in Kauf zu nehmen, würden anders entscheiden, wenn sie das Ganze von hinten her denken. Wenn sie sich ehrlich fragen, wie Europa in fünfzig oder hundert Jahren aussieht, wenn russischer Einfluss hier wächst. Weniger Freiheit, weniger Mitbestimmung, weniger Rechtssicherheit. Wer diesen langen Blick wagt, kann eigentlich nur zu einem Schluss kommen. Niemand, der hier leben will und seine Kinder frei aufwachsen sehen möchte, kann ernsthaft wollen, unter russischem Einfluss zu stehen. Die logische Konsequenz ist immer ein starkes, geeintes Europa und nicht dessen Schwächung.
Für mich ist klar, nur ein politisch geeintes und wirtschaftlich starkes Europa kann ein Anker der Demokratie sein. Nicht gegen irgendeine Kultur oder ein Volk, aber klar gegen autoritäre Machtansprüche. Wir müssen uns verteidigen können. Wirtschaftlich, diplomatisch und militärisch. Anerkannte Stärke ist kein Widerspruch zum Frieden, sie ist seine Voraussetzung.
Jetzt liegt es an uns. Nicht an Washington, nicht an Moskau und nicht an Peking. An uns Europäern. Jede Bemühung, Europa zu schwächen und Russland zu stärken, müssen wir entschlossen, klug und gemeinsam verhindern. Wenn wir das nicht tun, verspielen wir mehr als Einfluss. Wir verspielen Vertrauen in unsere eigene Handlungsfähigkeit.
Ich wünsche mir ein Europa, das nicht zögert, wenn es um seine Werte geht. Ein Europa, das zusammensteht, gerade dann, wenn es unbequem wird. Denn nur so bleiben wir frei.
